Interview

Interview mit dem Illustrator Timo Kümmel

Illustrator Timo Kümmel
Foto: Timo Kümmel

Lieber Timo,

Du hast das Cover für meinen neuen Fantasy-Roman „Amy und der Zauber des Schwarzen Sterns“ entworfen. Leider haben die meisten Leser und Leserinnen nur selten die Gelegenheit, mehr über den Künstler hinter dem Cover zu erfahren. Das würde ich gerne mit diesem Interview ändern.


Erzähl doch bitte etwas über Dich!

Büchernarr, Phantastikfan, Musikjunky, Rabattjäger mit Hamsterveranlagung, Wodkatrinker, Fahrradfahrer, konfessionsloser Weltbürger, Sozialphobiker und melancholischer Optimist.

Will heißen: auf einer virtuellen Fahrt durch meine Wohnung und meinen Alltag findest du viel zu viele Bücher auf zu wenig Raum, einen kleinen Holz-Roboter mit Europa-Flagge, eine Walzen-Spieluhr, die die „Harry Potter“-Titelmelodie zirpt, ein handgroßes Plastikskelett mit noch kleinerer Discokugel, großzügige Vorräte günstig geschossener Produkte des täglichen Bedarfs nebst einer viel zu gut bestückten Minibar und einem Telefon, das nur eingestöpselt wird, wenn ich alle zwei, drei Monate mal telefonieren muss. Im Hintergrund läuft seit fünf Stunden fast ununterbrochen mein aktueller Lieblingstrack und ich sitze an meinem Grafik-Tablett vorm Computer und arbeite oder belohne mich gerade für ein abgeschlossenes Projekt und bin auf dem Weg zu einem Konzert oder in einen Club.

In bester Lebenslaufmanier sollte ich aber wohl noch meine künstlerische Laufbahn grob skizzieren: nach der Fachoberschule Gestaltung habe ich eine dreijährige schulische Ausbildung zum Holzbildhauergesellen absolviert und anschließend noch zwei Jahre Freie Malerei und Grafik an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe studiert.
Ansonsten bin ich - wie fast alle Kreativlinge mit unterschiedlicher Gewichtung – primär ein Autodidakt. Wie ich seit über fünfzehn Jahren meine Bilder am Computer gestalte, hat mir niemand beigebracht, sondern ist vielmehr ein nie endendes Experiment mit ungewissem Ausgang und voll umständlicher Marotten, weil ich es einfach nicht besser weiß.


Wann wusstest Du, dass Du Illustrator werden wolltest? Gab es dafür einen besonderen Auslöser?

Ich denke, während meines Studiums in Karlsruhe. Davor hatte ich schon seit fast zehn Jahren Illustrationen in allerlei Fanzines und Büchern veröffentlicht – und auch schon meine ersten Taschengeld-Aufträge gestemmt.
Nach vier Semestern entschied ich mich wegen unterschiedlicher Gründe, mein Studium aufzugeben, der freien Bildenden Kunst den Rücken zu kehren, und es als Illustrator zu versuchen. Frei nach der Devise: „Lasst mich erstmal so richtig derbe auf die Schnauze fallen, bevor ihr sagt, es geht nicht!“
Es folgten harte Jahre, aber irgendwie habe ich mich tatsächlich durchgemogelt und kann mittlerweile von meinen Bildern leben, auch wenn ich laut aktueller Studie zu dem Bevölkerungsteil zähle, der zwar in Vollzeit mit hoher Stundenzahl arbeitet (und keinen bezahlten Urlaub, noch Feiertage oder Wochenenden kennt), aber dennoch als „in Armut lebend“ klassifiziert wird, haha.
Tauschen wollen würde ich trotzdem nicht. Ich mag mein Leben und diese verrückte Symbiose aus Hamsterrädchen, kreativer Freiheit und meinen ganz persönlichen Spinnereien und Macken.

 

Auszüge aus Timo Kümmels Bildband "Vorsehung":

 Timo Kümmels VorsehungTimo Kümmels VorsehungTimo Kümmels Vorsehung

 

 

Erinnerst Du Dich noch an Dein erstes Werk? Was war es?

Puh, nee, keine Chance. Selbst als Ministöpsel habe ich ständig gemalt und an irgendwas rumgebastelt.
Schon im Kindergarten habe ich aus einem Stecksystem (so fingernagelgroße weiße Verbindungswürfel mit kleinen blauen Stäbchen) Roboter auf Rollschuhen gebaut, die größer als ich waren und die dann vergnügt durch den Raum geschoben. Und einmal habe ich daraus auch ein richtig großes Doppeldeckerflugzeug gebaut, mit dem ich mit meiner Lieblingsnonne Schwester Edeltrud all ihren Warnungen vor den Rabauken zum Trotz die Nachbarkindergartengruppe besuchen wollte … und im Gang einem Jungen begegnet bin, der mit vollem Elan in mich rein rannte und mein Flugzeug auf den Boden schmetterte, wo es formvollendet in seine Einzelteile zerbarst.
Jahre später wurde der große Zerstörer mein bester Jugendfreund und wir haben viel zu viel Unsinn getrieben und noch mehr zu Bruch gehen lassen.

 

Cover von Timo Kümmels VorsehungHast Du ein Lieblingsprojekt unter Deinen bisherigen Arbeiten?

Da muss ich natürlich meinen Bildband VORSEHUNG nennen, auf den ich am Ende des Interviews noch genauer eingehen werde.

Es gibt immer wieder Projekte, die mir sehr am Herzen liegen oder mich ganz besonders fordern.
Als leidenschaftlicher Verehrer ihrer Schreibe war es mir damals eine unvergleichliche Ehre, Eddie M. Angerhubers Kollektion DIE DARBENDEN SCHATTEN gestalterisch betreuen zu dürfen. Dieses Buch steht für mich sinnbildlich für meine 20er Jahre und einen sehr prägenden Lebensabschnitt.
Nicole Rensmanns Romane NIEMAND und NIEMAND MEHR halte ich für einzigartige Werke der modernen Phantastik und bin sehr, sehr glücklich und stolz, dass ich diese Gemmen mit Titelbildern, Karten und zahlreichen kleinen Illustrationen anreichern durfte.
In den Fokus rücken mag ich auch Robert Corvus‘ dreibändige SCHWERTFEUER-SAGA, für die ich etliche aufwendige Innenillustrationen gezeichnet und meine Grenzen neu ausgelotet habe. Im Spießrutenlauf mit den Abgabeterminen und dem schnöden Bedürfnis meines Körpers, hin und wieder auch mal ein paar Stündchen schlafen zu müssen, war das auf den Spannungsspitzen echt ein wilder Ritt … ;)
Und final hat Dirk van den Booms KAISERKRIEGER-Reihe natürlich einen besonderen Stellenwert für mich, wurden doch zwei meiner Titelbilder zu Dirks faszinierender Alternativ-History-Reihe mit dem Kurd Laßwitz Preis ausgezeichnet.

 

Bist Du neben Deinem Job als Illustrator auch noch anderweitig kreativ unterwegs?

Meist bleibt dafür nicht die Zeit, bzw. genug Leerlauf, um den Kopf frei zu kriegen und neben den ständig drängelnden Aufträgen an etwas anderem unbeschwert herum zu friemeln, aber gerade deswegen versuche ich immer, jede Chance wahrzunehmen, wenn ich bspw. für ein Cover ein spezielles Detail brauche, und das auch in Ton modellieren könnte, anstatt einfach nur am Rechner zu sitzen.
Aber diese Synergien sind sehr selten und scheitern primär auch daran, dass ich nur in einer winzigen Wohnung lebe und keinen umfassend bestückten Werkraum habe, wo ich mich nach Lust und Laune austoben könnte, ohne die Nachbarn in den Wahnsinn zu treiben oder mir Gedanken um Dreck und irgendwelche Schäden machen zu müssen.

Aber allzu oft sind diese Gründe nur lauwarme Ausreden und ich könnte viel, viel mehr machen, habe aber leider auch ein unbändiges Talent zum Prokrastinieren und verschwende verdammt viel Zeit damit, untätig um die Arbeit zu kreiseln und sie unsicher zu beäugen ...

 

Du bist mit Deinen Arbeiten besonders stark in der Fantasy und Science Fiction vertreten. Was fasziniert Dich gerade an diesen Genres?

Ich fühle mich allen Facetten der Phantastik verbunden – als Konsument wie auch als kreativ Schaffender. Je nach Phase brennt die Leidenschaft für eine Gattung stärker oder schwächer, aber eine lebendige Vielfalt brauche ich immer. Habe ich also bspw. gerade eine technoide Odyssee durch die Weiten des Alls hinter mir, gelüstet es mich in der Folge nach erdverbundener, atmosphärischer Fantasy oder magischem Realismus, wo ich mich tatsächlich am besten aufgehoben fühle, da er in meinen Augen weder klassisch einsortiert, noch durch Grenzen oder festes Inventar eingezäunt werden kann. Ich liebe dieses Flimmern im Nebel, wenn Phantasie und reale Welt verwischen und Magie und Wunder ganz nah und greifbar scheinen. Also auch genau der Boden, auf dem ich AMY UND DER ZAUBER DES SCHWARZEN STERNS ansiedeln würde.

 

Cover von Timo Kümmels VorsehungFür Deine Cover und Illustrationen bist Du bereits zweimal mit dem „Kurd Laßwitz Preis“ ausgezeichnet worden, was sehr beeindruckend ist. Nun ist vor ein paar Monaten Dein Buch VORSEHUNG erschienen, in dem Du einen Einblick in Deine Werke gibst. Magst Du das Buch kurz vorstellen?

Vielen lieben Dank für die schmeichelhaften Worte – manchmal erscheint es mir selbst irreal, schon zweimal mit diesem Ritterschlag geadelt worden zu sein ...

VORSEHUNG ist nicht nur eine Retrospektive und eine Werkschau meiner besten Arbeiten, sondern lässt die geneigten Leser und Betrachter durch meine begleitenden Texte auch einen sehr persönlichen Blick auf mich und mein Schaffen werfen.
Alle Kraft und Energie, die ich sammeln konnte, habe ich darauf konzentriert und bin irre stolz auf dieses Herzprojekt und Zeugnis meines künstlerischen Werdeganges. Insbesondere auch auf mein immens aufwendiges Titelbild, das in der Mitte des Bandes noch mal in seiner vollen Pracht als Panorama untergebracht ist und auch als Poster aus der Heftung genommen werden kann, wenn es sich vielleicht jemand an die Wand hängen mag ;).

Für Bildbände gibt es dieser Tage leider nur noch ein überschaubares Publikum, aber umso mehr freue ich mich über jede Leserin und jeden Leser, die ich erreichen und mit meinen Bildern in phantastische Welten entführen kann.

 

Ich danke Dir für das Interview!

Ich habe zu danken, und hoffe, dass ich meinen kleinen Teil dazu beitragen konnte, deinen Lesern die Zeit mit AMY in einen magischen Rahmen zu fassen!

 

Zur Website von Timo Kümmel geht es hier!